Die aktuelle Ausgabe des Rote Kurve Mitgliedermagazins beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema “Pyro”; anbei findet Ihr wie im Magazin auf Seite 45 angekündigt den Bericht von Sascha Hartmann, der sich mit der Pyrotechnik in Deutschland auseinandersetzt:
So wie der Fußballsport in verschiedenen Ländern unterschiedliche Entwicklungen nahm (Kick & Rush, Catenaccio oder Voetbol Totaal seien exemplarisch als Schlagwörter genannt), so entwickelte sich auch die Fankultur von Land zu Land anders. Ultras in Südeuropa, Kutten im deutschsprachigen Raum oder Torcidas in Brasilien haben sich beispielsweise in großen Fußball-Nationen herausgebildet. Doch sowohl Spielkultur als auch Fankultur unterlagen schon immer der Globalisierung und so wundert es nicht, dass auch den deutschen Kutten die Leuchtfeuer in Italien gefielen und irgendwann die hiesigen Stadien ebenso anfingen, rot zu leuchten wie die der Serie A.
Bei Vereinen wie den Kickers Offenbach oder dem 1.FC Kaiserslautern entwickelte sich – schon lange bevor sich erste deutsche Fans Ultras nannten – ein Kult um die Bengalischen Feuer. „Der Betze brennt“ wurde zum geflügelten Wort für die rot lodernde Westkurve in Kaiserslautern. Medien und Vereinsvertreter lobten die tolle Stimmung.
Südländische Atmosphäre war etwas Positives und trug zum Mythos bestimmter Stadien bei. Mythen, die schwer einnehmbare Festungen und den 12. Mann beschworen. Pyrotechnik war spätestens in den 80ern in der Bundesliga Gang und Gäbe. Eine ganze Generation von Fans wuchs mit Pyrotechnik in den Stadien auf. Strafrechtliche Verfolgung fand nicht statt. Die Ordnungswidrigkeiten wurden geduldet und als zum Fußball eben dazugehörend hingenommen.
Mit Hooligan-Ausschreitungen gab es früher in und um die Stadien ernstere Probleme zu bekämpfen. Sieht man von ein paar lokalen Vorreitern ab, trat ab Mitte der 90er die Ultrabewegung in den deutschen Stadien in Erscheinung. Durch Europapokalspiele, Groundhoppingtouren (u. a. nach Italien) und die zunehmende Fernsehpräsenz internationaler Ligen wie der Serie A im deutschen TV wurden junge Fans inspiriert, eine neue Ausprägung der deutschen Fankultur zu entwickeln. Die Nähe zu den Vorbildern im Süden Europas äußerte sich natürlich auch durch den Gebrauch von Pyrotechnik.
Ultras gründeten sich bis zur Jahrtausendwende bei fast allen Vereinen der oberen Ligen und zündelten, was das Zeug hielt. In der Retrospektive sicher oft auch ohne Sinn und Verstand. Riesige schwarze Rauchwolken oder Leuchtspurmunition dürften jedenfalls nicht die Unterstützung der eigenen Mannschaft zum Motiv gehabt haben. Die Ultras waren für die hooliganerprobte Polizei schwer einzuordnen und wurden als der Nachwuchs der alten Schläger kategorisiert. Daher konnten die Gruppen sich in ihren Blöcken auswärts und daheim stets großer Polizeipräsenz sicher sein. Vielleicht ist es damals passiert, dass die Bengalos für die Ordnungshüter zu hooligantypischen Ausschreitungen wurden. Jedenfalls wurden um die Jahrtausendwende Bengalische Fackeln teilweise geahndet. So kam es schon mal vor, dass 96-Fans in Lübeck, Oberhausen oder anderswo 50 Mark Ordnungsgeld für das Zünden von Pyrotechnik zahlen mussten. Oder man bekam ein lokales Stadionverbot für den Rest des Spiels.
Die große Verfolgung setzte allerdings etwa zeitgleich mit der Vergabe der WM 2006 an Deutschland ein (diese bekam Deutschland am 6. Juli 2000 zugesprochen). Der DFB begann, konsequent Strafen an die Vereine auszusprechen, deren Fans durch Pyrotechnik auffielen. Das führte bei den Vereinen natürlich von der Duldung zur Verfolgung der Pyromanen. Die Polizei schrieb nun Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz, die Vereine sprachen mehrjährige Stadionverbote aus und beschnitten die Rechte der Fans. Aus südländischer Atmosphäre wurden in den Medien Ausschreitungen von Chaoten. Binnen weniger Jahre wurde Pyrotechnik vom etablierten Stilmittel der Fans zum Verbrechen von Gewalttätern.
Die Ultrabewegung erkannte vielerorts die Zeichen der Zeit und mäßigte sich in ihrem Gebrauch von Pyro. Gezündet wurde bei Heimspielen gar nicht mehr und auswärts nur noch vereinzelt. Kompromissmodelle à la „Wir erlauben euch Fahnen und Choreos wieder, wenn ihr nicht mehr zündet“ gewannen an Konjunktur. Gleichwohl schwor die Szene nie von der Pyrotechnik ab und arbeitete gut vernetzt an Möglichkeiten zur Rückkehr von Pyro auf die Ränge. Mit der nötigen Reife verabschiedete man sich von Rauchwolken, Böllern und Leuchtspurmunition und suchte den Dialog.
Es wurde die bundesweite Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ aus der Taufe gehoben. Zusammen mit Feuerwehr, Pyrotechnikern und Juristen erarbeitete man Konzepte, die dem DFB nebst Rechtsgutachten vorgelegt wurden. Doch ein ziemlich erfolgreiches Moratorium der Ultras führte im Sommer 2011 nicht zu der Genehmigung von Pilotprojekten durch den DFB. Stattdessen setzte der DFB die Gespräche aus, um ein eigenes Gutachten in Auftrag zu geben. Dieses den Ultras und der gesamten Öffentlichkeit völlig vorenthalte Dokument soll laut DFB keine Möglichkeit einer Teillegalisierung von Pyrotechnik sehen und diente dem DFB dazu, den Dialog einseitig für beendet zu erklären.
Die Fans fühlen sich nun betrogen und zünden wieder mehr denn je, der DFB scheint gewillt, rigoroser denn je gegen die Pyromanen vorgehen zu wollen, und die Vereine müssen die Zeche zahlen. Inzwischen gaben die Vertreter der Pyrotechnik-Initiative bekannt, dass ihnen das Gutachten des DFB vorliege und jenes ihre Rechtsauffassung einer möglichen Teillegalisierung stütze anstatt widerlege. Der DFB soll wissentlich die Öffentlichkeit belogen haben. Harte Vorwürfe, zu denen der Sportverband beharrlich schweigt.
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